Mittwoch, 16. November 2011
Nach fast drei Monaten China und zahlreichen Blogeinträgen wird es auch mal Zeit für ein paar kritische Worte , denn selbstverständlich gibt es auch hier einiges, was definitiv nicht so läuft wie es sollte bzw. wie man es sich vorstellt. Nicht dass es nachher noch heißt, mein Blog wurde mit der „rosaroten Brille“ geschrieben…

An einigen Stellen merkt man doch noch deutlich, dass es sich um eine kommunistische Staatsform handelt, anders ist die Arbeitsmoral mancher Angestellten einfach nicht zu erklären. Gerade in einigen Restaurants gibt es zwar enorm vielen Kellner (unter anderem vier, die den Leuten nur die Tür öffnen und sie wieder verabschieden…), aber wirklich schnell bedient wird man deswegen leider nicht immer. Nachdem man zum Tisch gebracht wurde muss man sich am besten direkt entscheiden, was man haben möchte. Da wir aber schon ein bisschen Zeit brauchen, um uns auf der Karte zu orientieren, bitten wir die Kellner dann immer, gleich noch mal wieder zu kommen. Das klappt dann aber normalerweise leider nicht, wir machen dann nach einiger Zeit auf uns aufmerksam. Bei der Bestellung kommt es dann zum nächsten Beweis, dass es doch noch eine zentral gesteuerte Produktion geben muss. In weiser Voraussicht suchen wir uns schon immer extra zwei Gerichte aus, eines wird nämlich definitiv „Méiyǒu“ sein, das bedeutet wörtlich so viel wie „Gibt es nicht mehr“ ;-)

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Wenn allerdings der Kellner eine halbe Stunde nach der Bestellung ankommt, um einem mitzuteilen, dass es das gewählte Gericht nicht mehr gibt, dann kommen einem doch Zweifel auf, ob das der wirkliche Grund ist. Vielmehr heißt „Méiyǒu“ dann wohl, dass der Koch einfach keine Lust hat, das Gericht zu kochen, kann man ja mal machen. Man gewöhnt sich hier an einiges und die Charaktereigenschaften Toleranz und Geduld werden doch deutlich trainiert.

Zum Thema Essen kann man noch ein paar Worte mehr verlieren, nämlich zu der Art, wie das Essen hier zu sich genommen wird. Die Tischmanieren sind (entschuldigt den Ausdruck ;-)) unter aller Sau. Schmatzen, Schlürfen, ausgespucktes Essen auf dem Tisch, alles vollkommen normal hier.


Einmal ein Tisch in Nahaufnahme...


...und hier als Beweis, dass wirklich die meisten Tische so aussehen

In diesem Sinne freut euch schon mal auf unsere Weihnachtsessen, Familienfeiern usw., das wir bestimmt super ;-) Nein im Ernst, teilweise ist es doch echt ganz schön gewöhnungsbedürftig, da sind wir dann noch nicht ganz chinesisch sozialisiert. Bei den Essensmanieren verhalten wir uns doch nach wie vor sehr deutsch.

Eine weitere Sache, die gerade bei Recherchen für das Tutorium usw. echt nervt, ist die Zensur im Internet. Ich hoffe einmal, das Verwenden dieses Wortes führt nicht dazu, dass auch mein Blog bald unter genau diese Zensur fällt ;-) Manche Seiten funktionieren einfach gar nicht, oder verschwinden nach einigen Sekunden. Das führt dann dazu, dass man manchmal ein wenig verzweifelt vor dem Computer sitzt und gutmütig auf diesen einredet, ohne dass es auch nur das Geringste ändern würde (allerdings verfällt auch unsere Fachinformatikerin in diese Marotte, von daher muss es ja einen Hintergrund haben ;-))

Was auch auffällig ist, sind die teilweise sehr langen Entscheidungswege. Jede Handlung muss mit einer Vielzahl von (Partei-)Funktionären abgestimmt werden. Jeder gibt seine eigene Meinung dazu ab. Es dauert also echt lange, bis mal irgendwas passiert.
In einen ähnlichen Bereich der Kritik fällt das allgegenwärtige „Guanxi“, also das gegenseitige Zuschieben von Positionen und Aufträgen innerhalb der Familie bzw. des Bekanntenkreises. Dies führt halt dazu, dass die Führungspositionen und andere wichtige Ämter immer durch ausgewählten Personen bekleidet werden, da jemand von außerhalb kaum eine Chance hat, diese Positionen zu erreichen.

Dies unterstreicht die generelle Einstellung der Chinesen zum gegenseitigen Helfen. Innerhalb der Familie oder einer bestehenden Gruppe hilft man sich enorm. Niemand wird fallen gelassen und die Gemeinschaft zählt mehr als der einzelne. Außerhalb der Familie geht man mit den Menschen allerdings relativ rücksichtslos um. Jeder ist zunächst einmal darauf bedacht, seinen eigenen Vorteil (bzw. den der Familie) zu realisieren, danach kommt bei den meisten erst mal lange nichts. Unsere Erklärung für dieses Verhalten ist (wie für so manches hier ;-)) die schiere Masse der Chinesen. In einem Land mit über 1,4 Milliarden Menschen muss man sich beweisen und zeigen was man selber kann, damit man etwas erreicht. Hebt man sich nicht von der Masse ab, auf welche Weise auch immer, so hat man keine Chance seinen Lebensstandard zu verbessern. Die Chinesen lernen also schon recht früh, sich zunächst einmal das Beste zu sichern, da man ansonsten unter die Räder kommt. Die Tatsache, dass ein Großteil der Kinder hier als Einzelkinder (Ein-Kind-Politik) aufwachsen, tut sein übriges dazu, da sich in der Kindheit vier Großeltern und zwei Großeltern nur um das eine Kind kümmern und es Aufmerksamkeit ohne Ende erfährt.

Ihr seht also, wir haben unsere Fähigkeit zur kritischen Auseinandersetzung mit Dingen nicht verloren und ordnen die Dinge noch immer ganz passend ein (denken wir zumindest ;-). Dennoch öffnet einem das längere Leben hier in China ein bisschen die Augen und man kann manche Dinge zumindest besser nachvollziehen. Gerade das manchmal rücksichtslos wirkende Verhalten ist wohl eher eine Sache der Sozialisierung, macht man es nicht, erreicht man nichts. Ich möchte dieses Verhalten natürlich nach wie vor nicht gutheißen, dennoch kann man ein gewisses Verständnis für so manche Dinge entwickeln. Ein weiterer Effekt ist, dass man die Situation bei uns zu Hause mal aus einer anderen Perspektive sieht und erkennt, dass einige unserer „Probleme“ doch mal relativiert werden sollten.

So, diese ernsten Worten waren auch mal wichtig, nächstes Mal gibt es aber dann doch wieder entspanntere Geschichten, mal schauen, worüber ich noch so schreiben kann…